Thrombus Katakombus

Meine Onkologin des Todes lobt jedes Mal, dass ich gut auf meinen Körper hören würde, genau wüsste, wie er tickt. Ich kann ihr nicht ganz recht geben. Wenn ich ihn wirklich so gut kennen würde, hätte ich wahrscheinlich früher gemerkt, was sich in meiner Lunge abspielt. Zumindest bevor die mutierten Zellen sich in den Lymphen breitmachen und ins Hirn vordringen. Auf der anderen Seite – wer weiß, ob man solche Veränderungen überhaupt spüren kann.

Intravaskuläre Rückenschmerzen

Wie dem auch sei, ich gebe ihr insofern recht, wenn es um Dinge geht, die man spüren kann. Ein komisches Zwirpen in meinen Beinen ist meist ein Symptom für Ausstrahlungen aus meinem Rücken. Entweder wir sprechen hier von Ischias oder ISG (Iliosakralgelenk). Mal bitzelt es in den Fußspitzen, mal sind die Fingerspitzen ein wenig taub. Im Gegensatz zum Krebs ist das Ringelpiez. Die Probleme hatte ich natürlich schon vorher, kennen die meisten Menschen in meinem Alter, die viel sitzen – so wie ich gerade. Aber die Symptome, die ich am Freitag und Samstag hatte, waren anders. Eine ungewöhnliche, noch nie gesehene Schwellung an meinem linken Bein und Hitzewellen, die von der Wade abwärts zogen. Das war eindeutig intravaskulär. Die Schwellung ging durch Hochlegen des Beins weg. Als ich die Spritze bekam, waren die Hitzeschübe passé.

Wieso erzähle ich euch das? Weil ich gestern beim Ultraschall war. Wegen des Thromboseverdachts. Ein wenig aufgeregt kam ich ins Untergeschoss der Klinik, ins sogenannte Gefäßzentrum. Aufgeregt, weil ich mich ein klein wenig darauf gefreut habe, wenn ich ehrlich bin. Nicht, weil es ein besonders tolles Gefühl ist – es fühlt sich nicht wirklich gut an, eher glitschig, kühl und im Leistenbereich ziemlich unangenehm. Aber als die Ärztin (Italienerin) mir in der Kniekehle herumfuhr, wurde ich belohnt. Endlich konnte ich mein Neugeborenes im Bildschirm sehen. Ihr werdet mich jetzt vielleicht für albern halten, aber wie oft bekommt man als Mann die Gelegenheit, sich selbst im Ultraschall zu sehen? Angehende Väter können wenigstens den Fötus ihres Kindes im Bauch der Mutter sehen. Aber Leute wie ich sind dazu verdammt, alleine zu sterben. Lasst mich nicht wieder Hans Fallada zitieren.

Italien im Unklang

Die Italienerin sagte, ich hätte keine Thrombose. Die erhöhten D-Dimere sind sowohl Marker für Thrombose als auch für Krebs allgemein. Ich solle keine Medikamente mehr dagegen nehmen. Sie meinte, ich hätte wahrscheinlich Rückenschmerzen gespürt, aber das ist Quatsch. Ich kenne meinen Körper. Vielleicht war es eine leichte Thrombose, die nicht mehr erkennbar war, weil die Spritze und die Tabletten ihren Job bereits erledigt hatten. Aber die Schwellung und die Hitzewallungen habe ich mir nicht eingebildet. Und die kommen auch nicht aus dem Rücken, die waren intravaskulär.

Ich mochte die Italienerin, hätte sie auch zum Essen eingeladen, wenn ich nicht so schüchtern und in solchen Dingen hoffnungslos desillusioniert wäre. Aber ihrer Einschätzung konnte ich definitiv nicht zustimmen.

Bürgergeld im Ultraschall

Zurück zum Ultraschallbild. Ich fand's schön, das Innenleben meiner Kniekehle zu beobachten. Hat was, kann ich nur empfehlen. Das sind die kleinen Freuden eines Krebspatienten. Die möchte ich natürlich gern mit euch teilen. Die andere ist, dass mein Bürgergeldantrag endlich bewilligt wurde. Wieso, verstehe ich nicht. Denn eigentlich hätten sie ihn ablehnen und stattdessen ans Sozialamt weiterreichen müssen. Aber mir ist ja wurscht, woher die Dukaten stammen. Entscheidend ist nur, dass ich meine Miete auch im nächsten Monat noch zahlen kann. Essen ist nicht so wichtig. Hab ein paar Pfunde Reserve, die vorher verbrannt werden wollen.

Sonnige Grüße von eurem sozialabgesicherten Lieblingsschwabbel

Mancini the Hutt

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