Ralf M. und das Erbe der Josefine Mutzenbacher
Ich war dabei, meinen Antrag auf Bürgergeld auszufüllen und die Dokumente zusammenzusuchen. Genervt von der schieren Menge rief ich beim Jobcenter an. Die Nummer hatte man mir am Tag der Identitätsbestimmung gegeben. Durch die Warteschleife landete ich bei Ralf M. Eine Nummer für sich dieser Mitarbeiter. Als ich ihm erklärte, dass ich den Bürgergeldantrag nur ausfülle, um abgelehnt zu werden, um schließlich zur Grundsicherung zu gelangen, tat er so, als wüsste er sofort Bescheid. Dann fragte er trotzdem erstmal nach meinem Geburtsdatum. Damit er verstand, erwähnte ich meinen Lungenkrebs.
Er: Ja, ich hab auch 'nen
Tumor.
Ich: Wie, sie haben auch einen Tumor? Ist der heilbar
oder wieso arbeiten sie denn jetzt?
Er: Na, von zuhause. Wegen
Ansteckung.
Ich: Hä, wie?
Er: Na ich darf von zuhause
arbeiten, damit mich keiner ansteckt.
Ich: Ach so. Aber wieso
denn überhaupt arbeiten?
Er: Ich will doch arbeiten. Geld
verdienen, solange ich kann.
Ich: Aber wo ist denn der Tumor
und ist der heilbar?
Er: Na, so am Hals. Ich bin da in
Behandlung und muss ständig hin.
Ich: Bei mir ist der Krebs in
der Lunge, in den Lymphknoten und ins Gehirn gestreut.
Er: Na,
das klingt fortgeschritten.
Ich: Endstadium.
Er: Bei mir
hat man das zum Glück früher erkannt.
Ich: [...]
Er: Na,
sie füllen mal den Antrag aus und schicken ihn per Email.
Ich:
Aber deswegen ruf ich an. Macht das denn überhaupt Sinn?
Er:
Ja, natürlich. Müssen Sie ja. Damit sie Geld kriegen.
Ich: Ja,
aber kann ich nicht abgelehnt werden, ohne etwas auszufüllen und
dann gleich beim Sozialarbeit die Grundsicherung beantragen?
Er:
Nee, sie füllen aus und schicken uns alles. Am besten per Email. Das
geht schneller. Ich schick ihnen mal die Email.
Ich: Die habe
ich doch schon.
Er: Woher denn? Die steht nicht auf dem
Anschreiben.
Ich: ... Stimmt.
Er: Sag ich doch. Also
schicken Sie alles an die Email. Damit Sie Geld kriegen. Sie brauchen
doch Geld für die Miete und Essen und so.
Ich: Ja, schon, aber
das ganze Ausfüllen und Besorgen von Dokumenten löst enormen
Stress...
Er [unterbricht mich]: Sie brauchen doch Geld, damit
Sie ihre Miete, Essen … [Ich halte den Hörer weg. Seine
Stimme quäkt aus der Ferne weiter]
… Denn Sie kriegen solange von uns Geld, bis geklärt ist, wer für
Sie zuständig ist, also welche Stelle zahlt. Das müssen Sie nicht
zurückzahlen.
Ich: Okay, ich fülle ihn ja schon aus.
Aufwiederhören.
Er: Guten Tag! Und denken Sie dran, am besten
an die Email…
Ich legte auf.
Sind wir nicht alle Nutten?
Eure Obernutte
Victor Mutzenbacher
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