Nachklapp
„Siediti“ (Setz dich), sage ich und helfe ihm auf den Stuhl.
„Non può mangiare. Deve essere digiuno per gli analisi del sangue! Solo bere, acqua o caffè, ma senza zucchero“ (Er darf nichts essen. Er muss nüchtern bleiben für die Blutuntersuchung! Nur trinken, Wasser oder Kaffee, aber ohne Zucker), ruft meine Mutter aus dem Bad.
„Aspetta“, sage ich zu ihm. „Fammi finire questo, poi ti faccio un caffè.“ (Warte, lass mich das hier fertig machen, dann mache ich dir einen Kaffee.)
Ich zerteile die Kiwi, lasse die Stücke in die Schüssel fallen. Ich schaue aus dem Fenster. Die Straße ruhig, das Licht trüb von Wolken. Ich denke an die Fahrt nach Berlin, an die Enge und die Menschen. Ob ich eine Maske tragen soll? Ich schiebe den Gedanken beiseite. Ich schneide blind die Banane in Scheiben, plumps plumps. Blick nach unten, buntes Allerlei.
Ich drehe mich um, will nach der Müsli-Packung greifen. Da sehe ich, wie er sich eine getrocknete Pflaume aus der Tüte stibitzt hat. Sie sitzt zwischen seinen Lippen. „No!“, sage ich scharf und reiße sie ihm aus dem Mund. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er mich an, versteht nicht. Wie ein kleines Kind, hilflos, mit hängenden Schultern und bebenden Lippen.
„Mi dispiace, papà, ma non puoi mangiare fin quando torni dal dottore.“ (Es tut mir leid, Papa, aber du darfst nichts essen, bis du vom Arzt zurückkommst.) Er schaut mich weiterhin ungläubig an. Dann senkt er den Blick, anschließend den Kopf, und wartet regungslos. Ich drücke einen Knopf, es mahlt und rumort. Die Plörre läuft aus dem Kaffeevollautomaten in den Becher. Ich stelle den Kaffee und ein Glas Wasser vor ihm auf den Tisch. Sein Blick hilflos.
„Che devo fare? Devo bere tutto?“ (Was soll ich tun? Muss ich alles trinken?)
„Il caffè, se vuoi.“ (Den Kaffee, wenn du willst.)
„Tutto?“ (Alles?)
„Quanto vuoi, ma l’acqua sì.“ (So viel du willst, aber das Wasser schon.) Er nimmt die Tasse Kaffee in die Hand, legt sie aber sofort wieder ab.
„Troppo bollente.“ (Zu heiß.)
„Aspetta un po'. Bevi un po' d’acqua!“ (Warte ein bisschen. Trink etwas Wasser!)
„Tutto?“ (Alles?)
„Sì, piano piano. Ma devi bere! Ti ricordi com'eri così secco che ti hanno dovuto tenere in ospedale?“ (Ja, langsam. Aber du musst trinken! Erinnerst du dich, wie du so ausgetrocknet warst, dass sie dich ins Krankenhaus haben bringen müssen?)
„No, non mi ricordo. Quando?“ (Nein, ich erinnere mich nicht. Wann?)
„A Natale.“ Leere in seinem Gesicht. (An Weihnachten.) Leere in seinem Gesicht.
„C’era Cynthia. Era l’unica che non aveva il Covid. È rimasta con te.“ (Cynthia war da. Sie war die Einzige, die keinen Covid hatte. Sie ist bei dir geblieben.)
„Sì?!“ Leere.
„Ti ricordi della festa ieri sera?“ (Erinnerst du dich an die Party gestern Abend?)
„No, cosa abbiamo festeggiato?“ (Nein, was haben wir gefeiert?)
„Il compleanno della mamma. Non ti ricordi più la bella bistecca che ti sei mangiata?“ (Den Geburtstag von Mama. Erinnerst du dich nicht mehr an das schöne Steak, das du gegessen hast?)
„No. Era buona?“ (Nein. War es gut?) Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, verzieht das Gesicht. „Bah, manca lo zucchero!“ „Bah, es fehlt der Zucker!“
Ein Gehirn auf Abwegen
Victor Mancini
P.S. Für diejenigen, die sich gefragt haben, wie ich in meinem Roman mit den verschiedenen Sprachen umgehe - so!
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