Mayflies


In den letzten Wochen habe ich ein Buch für den Buchclub gelesen, dem ich seit Jahren angehöre. Soweit ich weiß, hat er keinen Namen. Wir sind zu siebt, ich der einzige Mann. Hat mich nie gestört, aber manchmal frage ich mich, ob es sie stört. Keine von ihnen hat mich je spüren lassen, nicht willkommen zu sein. Daher bin ich geblieben.

Anyway, wir sprechen bei den Treffen Englisch. Alle Bücher müssen auf Englisch erhältlich sein, gelesen wird aber auch in anderen Sprachen. Die Initiatorin ist eine Franco-Kanadierin, dazu kommen eine Engländerin, eine Halbaustralierin, eine Französin, zwei Deutsche und ich. Altersmäßig ist die Jüngste so Ende zwanzig, wenn ich mich nicht irre, und ich vermutlich das Schlusslicht. Wir treffen uns ungefähr alle sechs Wochen – mal privat, mal im Café, im Sommer auch im Park.

Bisher lasen wir thematisch. Wir schlugen Themen vor, wir wählten gemeinsam eines aus. Zum Beispiel: Workplace – Romane rund um den Job, Happiness, zeitgenössische griechische Literatur, True Crime, Mother-Daughter-Relationships. Dieses Jahr hat sich das geändert. Jetzt bringt reihum eine Person eine Auswahl mit – zwei, drei oder auch fünf Bücher, die sie sowieso lesen wollte. Die Gruppe entscheidet dann demokratisch.

Was wir lasen, hing also davon ab, was vorgeschlagen und gewählt wurde. Manche großartige Bücher waren darunter – There, There von Tommy Orange (Kategorie: Native American) oder Sein eigener Herr von Halldór Laxness (Island). Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, Meisterwerke gelesen zu haben. Und dann gab es Katastrophen wie Eine Frau flieht vor einer Nachricht von David Grossman (Thema unbekannt) oder In Other Rooms, Other Wonders von Daniyal Mueenuddin (Pakistan) – Bücher, die ich am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte. Tatsächlich brechen viele die Lektüre ab, wenn sie sie nicht ertragen. Das macht die Diskussionen gelegentlich etwas schwierig.

Natürlich ist das nur meine Ansicht, aber um die geht es hier ja. Ist schließlich mein Blog. Für das letzte Meet-up am vergangenen Freitag, bei dem ich das erste Mal seit dem Reset wieder dabei war, lasen wir Mayflies, den vorletzten Roman des schottischen Schriftstellers Andrew O’ Hagan. Ich kannte den Autor nicht und muss auch sagen, dass ich das Buch insgesamt ziemlich langweilig fand.

Doch darüber möchte ich gar nicht schreiben. Es geht mir eigentlich nur um einen Aspekt, der im Angesicht meiner Krankheit besonders hervorsticht. Im zweiten Teil erkrankt der Protagonist Tully unheilbar an Krebs, weshalb der Buchclub den Roman durch einen anderen ersetzen wollte, als ich bekanntgab, dass ich wieder dabei sein würde. Ich wusste das zu schätzen, widersprach dem aber, weil die Geschichte interessant klang: Vier musikbegeisterte schottische Freunde mit Working-Class-Background, die 1986 auf ein Indiefestival nach Manchester fahren wollten. Wir einigten uns schließlich darauf, den Roman doch zu lesen und zu besprechen.

Der Erzähler der Geschichte, Jimmy, fährt also im zweiten Teil mit seiner Freundin und Tullys Frau in die Schweiz, um ihn beim Gang in die Sterbeklinik zu begleiten. Ein Thema, das mir, wie ihr euch denken könnt, schon vor der Lektüre durch den Kopf ging: EUTHANASIE! Was für ein Wort – es klingt imposant und beängstigend, spannend, anziehend und abstoßend zugleich. Es ist griechisch und bedeutet GUTER TOD. Ha! I like it.

Aber keine Angst – noch ist es nicht so weit. Ich habe angeblich noch ein paar Jahre, wenn alles gut geht. Aber man weiß nie, ob das Medikament nicht irgendwann seine Wirkung verliert oder ob der Krebswichser in meiner Lunge und den Lymphknoten schon vorher einen Weg findet, mich niederzustrecken. Und ehe ich dann mit brutalen Schmerzen in der Klinik am Tropf hänge und mir das Morphium in den Körper pumpen lasse – THANK THE FUCK FOR ITS EXISTENCE! – will ich lieber friedlich einschlafen. Deswegen muss man sich frühzeitig informieren.

Wusstet ihr, dass es zurzeit ca. 10.000 CHF kostet, um in der Schweiz einen guten Tod zu sterben? Die habe ich natürlich nicht. Wenn ich also auf der Zielgeraden bin, werde ich mich mit einer Crowdfundingbitte an euch wenden. Nie zuvor habt ihr für einen besseren Zweck gespendet! Allerdings gibt es im Gegensatz zu konventionellem Crowdfunding nichts dafür – keine Equity Tokens, keine Gutscheine, oder sonst was. Nur den puren Tod! :-)

Peace out, my friends and lovers of assisted dying,
Victor de Beauvoir

P.S. Übrigens: Für alle die, die es – wie ich – nicht wussten: Mayflies sind Eintagsfliegen!

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