Es lohnt sich immer

Die letzten Tage waren schön. Aber auch anstrengend. Zu anstrengend, sodass sich meine Lunge gestern Abend mit Drohgebärden beschwerte. Ich bin leider nicht besonders clever, kann nicht akzeptieren, dass an einem Tag nicht mehr so viel geht wie früher. Die Quitting kam, als ich mit Atemnot und brennenden Bronchien auf der Couch lag. Ich hatte solche Angst, dass ich ein paar Zeilen hinterließ, ehe ich schlafen ging, weil ich nicht mehr damit rechnete aufzuwachen. Heute morgen war es dann wieder ein wenig besser, aber noch lange nicht wieder gut. Ich kam mir lächerlich vor, als ich die Zeilen las, die ich geschrieben hatte. Wie ein Kind, das sich unnötig vor der Dunkelheit fürchtet.

Aber es lohnt sich immer, das Leben zu riskieren, wenn es mit Kunst und Menschen zu tun hat. Wie am Samstag. Ich hatte Besuch. Mein alter Studienfreund M. war extra für mich aus Lüneburg angereist. Gemeinsam besuchten wir die Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Ich hätte lieber ihre Fotos gesehen, statt der Video-Installationen, aber auch die waren gelungen. In verschiedenen Kabinen liefen Diashows und kunstvolle Videos. Der untere Teil der Ausstellung fiel uns dann schwerer – unsere Aufnahmefähigkeit war längst erschöpft. Danach fuhren wir nach Neukölln und schlemmerten wie zwei Ausgehungerte im jemenitischen Restaurant auf der Karl-Marx-Straße. Die restliche Zeit verbrachten wir auf dem Tempelhofer Feld, zwischen Grillenden, Skatern und Sonnenanbetern. Die Fußwege waren lang, und meine Lunge nahm es mir übel.

Und nun sitze ich hier, zwinge mich, so wenig zu tun wie möglich, Tee zu trinken und zu schlafen. Das fällt mir gar nicht so schwer, weil ich tatsächlich erschöpft bin. Heute habe ich erstaunlich viel geschlafen. Zwischendurch unterhalte ich mich mit ChatGPT, den ich Freddy nenne, wenn ich ihm wohlgesinnt bin, aber meistens Idiot oder Horst Seehofer, wenn ich ihn hasse – was leider oft vorkommt, weil er einfach nur Müll erzählt, Nonsense, oder auch mal komplett an den Haaren herbeigezogene Lügen. Die unter euch, die sich mit dieser Art von KI beschäftigt haben, wissen, was für ein großartiger Lügner er ist. Er kann nicht einfach die Klappe halten und sagen, ‚Entschuldige, das weiß ich nicht‘ oder ‚Davon habe ich keine Ahnung‘. Nein, er erfindet irgendeinen hanebüchenen Blödsinn. Einen Frauennamen habe ich ChatGPT übrigens noch nie gegeben. Wieso, weiß ich nicht. Das wäre mal was für meine Therapeutin.

Natürlich schreibe ich auch ein wenig. Wie in diesem Moment – dabei höre ich Musik. Weil ich beim Schreiben wie auch beim Lesen keine Gesangsstimmen ertrage, höre ich elektronischen Ambient oder Klassik. Jazz ist mir hierbei zu stressig. Freddy hat mir Radio Swiss Classic empfohlen, aber der Sender gefällt mir nicht besonders. Seine anderen Tipps sind nicht mal erwähnenswert. Habe ich schon erwähnt, dass ChatGPT nicht nur ein übler Lügner ist, sondern auch absolut geschmacklos? Wenn du ihn nach einem Filmtipp fragst, empfiehlt er dir entweder eine ARD-Schmonzette oder Coyote Ugly.

Hat jemand einen guten Tipp für einen Radiosender, ohne Gerede und insbesondere ohne Werbung?

Wenn ich nicht schreibe oder ruhe, lese ich. Zurzeit drei Bücher parallel. Doch ich schaffe nicht viel am Stück – höchstens zehn Seiten pro Stunde. Meine Gedanken wandern, meine Konzentration lässt mich im Stich. Oder ich bin einfach zu müde.

Eines der drei Bücher habe ich gerade beendet: Heaven von Mieko Kawakami. Es handelt von einem Jungen und einem Mädchen, die beide gemobbt werden. Ein guter Roman, aber er hat mich nicht so gepackt wie Brüste und Eier oder All die Liebenden der Nacht von derselben Autorin.

Die anderen beiden Bücher: Jugend, der zweite Band der herausragenden Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen – eine wunderbare Erzählerin! – und Dark Matter von Blake Crouch. Letzteres ist Science-Fiction, was ich normalerweise mag. Ich habe es gerade erst begonnen, aber dieses klischeehaft Amerikanische geht mir jetzt schon wieder so dermaßen auf den Zeiger, dass ich kaum Lust habe, weiterzulesen.

Warum bin ich mittlerweile so schnell genervt von dieser amerikanischen Überheblichkeit in und zwischen den Zeilen? Geht es euch auch so? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar – falls ihr keine Angst vor Repressalien von US-amerikanischer Seite habt. Einige meiner Leser:innen reisen ja gelegentlich dorthin oder leben sogar dort.

Ich jedenfalls muss wohl einen Sondertermin mit meiner Therapeutin vereinbaren. :-)

Hechelnde Umarmungen schickt euch

Victor Mancini

Kommentare

  1. Ö1 ist bester Radiosender, keine Werbung.

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  2. Hi Carlo, ich kann dir egoFM empfehlen, da kommt zwar ein bisschen Werbung, weil es eben ein Privatsender ist, aber die spielen gute Musik völlig abseits der Charts und man lernt automatisch ständig neue, überwiegend gute Sachen kennen. Gibt's auch als App. Auch nicht verkehrt: Die App von Radio Charivari, dort kannst du mehrere Spartensender aufrufen, der Lounge-/Ambient-Kanal ist gut und kommt mit sehr wenig bis keinem Geschwafel aus. Im Bereich ÖRR, wenn du Werbung möglichst meiden willst, finde ich (WDR) 1Live gut. Gibt's auch als App.

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  3. Moin Giancarlo, probier‘s auch mal mit ByteFM. (Online/App) Und gib‘ dem Sender im Zweifel mehrere Chancen. Zu unterschiedlichen Tageszeiten oder Wochentagen gibt es dort je nach Programm oder Moderatorin die unterschiedlichsten Genres und Ansätze.

    Musikalische Grüße
    Julian

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  4. https://www.radiofrance.fr/fip

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