Auch wenn ich nichts produziere

In der psychoonkologischen Beratungsstelle der Berliner Krebsgesellschaft hatte ich gestern einen Termin. Mit einer Frau F. Nett war sie und äußerst kompetent – zumindest hatte ich den Eindruck. Das Gespräch gefiel mir. Wir redeten über dies und das: über meine Situation, darüber, was meinen Seelenfrieden ins Wanken gebracht hat, und darüber, was mir hilft, emotional zu überleben.

Als es ums Schreiben ging, sagte ich, dass meine Situation sich verändert habe. Früher, wenn ich mal einen Tag nicht schrieb, weil ich unterrichtete, hatte ich nicht das Gefühl, „faul“ oder „unproduktiv“ zu sein. Schließlich hatte ich unterrichtet – Menschen etwas beigebracht, ihnen beim Erlernen von Deutsch geholfen. Und nebenbei meinen Lebensunterhalt verdient.

Nun ist das anders. Jetzt schreibe ich. Punkt.

Ich vermisse meinen Unterricht. Die Menschen, die Unterhaltungen, die Interaktion. Mir fehlt der Austausch, das gemeinsame Lachen, die Diskussionen, die Erfolgserlebnisse – wie auch die Versprecher, Fehler und Enttäuschungen. Das Gesamtpaket.

Aber es hat auch etwas mit meinem Schreiben gemacht, dass ich nicht mehr unterrichte. Jetzt gibt es Tage, an denen ich nicht besonders kreativ bin. Oder denke, kreativ gewesen zu sein, aber dann war es scheiße, was ich produziert habe. Und Tage, an denen ich gar nichts schaffe. Weil ich müde bin. Weil der Krebs mich ausknockt oder runterzieht. Weil ich Trübsal blase und mich frage: Wozu das Ganze?

Da schaute mich Frau F. eindringlich an und fragte: „Können Sie nicht versuchen sich zu sagen ‘Ich bin, auch wenn ich nichts produziere?“

Mir verschlug’s die Sprache. Ich wusste absolut nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Und ich wusste nicht, wieso. Eigentlich hatte sie mir nichts Neues gesagt. Wie oft hatte ich mir schon eingeredet, dass mein Selbstwert nicht von äußeren Faktoren abhängen darf? Dass ich auch mal entspannen kann – lange vor der Erkrankung. Und doch konnte ich nie an meine eigenen Worte glauben.

Frau F.s Worte trieben mir die Tränen in die Augen. Ich nickte lediglich. Wenige Minuten später war unsere Zeit um.

Nach dem Termin fuhr ich nicht nach Hause, sondern irrte mit dem Rad umher, wollte zur Spree. Da stand das Futurium plötzlich vor mir, und ich ging spontan hinein – ich hatte noch nie einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt. Ich muss gestehen, ich habe ein Faible für diese Art von Architektur. Auch das nahegelegene Cube am Europaplatz finde ich spannend. Architektur aus Dänemark, heißt es. Ultraverglast und symmetrisch verwirrt, aber bestimmt so nachhaltig wie duftender Hákarl.

Im Futurium wimmelte es von Schulkindern und Teenagern. Puuh! Was für ein Lärm und Gewusel – da muss man cool bleiben. Nach nicht mal zwölf Minuten war meine Aufnahmefähigkeit erschöpft. Ob es am Konzept lag oder an meiner verminderten Konzentrationsfähigkeit, kann ich nicht sagen. Aber, oh boy, wie viel Text dir da um die Ohren gehauen wird. Das kann die Kids nur vergraulen, egal, wie sehr man auf coole Technik und Interaktion setzt. Mein Hirn war jedenfalls ratzfatz dicht. Wen wundert’s, wenn der Auftrag vom Bundesministerium für Bildung und Forschung kam. Trotzdem – schön konzipiert.

Als ich bei der Krebsforschung angelangt war, hatte ich mal wieder das Gefühl, dass man im Leben von gewissen Dingen geleitet wird. Lass es kosmische Energie sein, die uns führt. Lass es Telepathie sein oder dass das Unterbewusstsein uns lenkt. Für die Gottesschwurbler unter euch ist es sicherlich was anderes.

Jedenfalls landete ich im Futurium, ich, der keine Zukunft mehr hat.

Viel kosmische Liebe über den Äther sendet euch der vom Krebs verseuchte

Victor Mancini

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