Apixaban
Treffen sich drei Freunde abends in der Kneipe.
Fragt der eine: „Und, was habt ihr am Wochenende gemacht?“
Sagt der andere: „Ich war mit meiner Frau und den Kindern im Wald spazieren, danach gab’s Eis. Und du?“
„Ich war mit meiner Freundin übers Wochenende im Thüringer Wald. Hab mir ’ne neue SLR gekauft. Wollte ich ausprobieren. Und du?“ Dabei schaut er abwechselnd vom Blähbauch in die Pickelfresse und zurück.
„Ich war in der Rettungsstelle.“
„Immer die gleiche Leier mit dir. Was war’s diesmal?“
„Thrombose.“
„Wie lange warten?“
„Vier Stunden.“
„Nur? Langweilig!“
So oder so ähnlich hätte es stattfinden können – hat es aber nicht. Das Gespräch meine ich. Das mit der Rettungsstelle stimmt.
Ich bin genervt. Ich habe schlechte Laune. Ich habe Kopfschmerzen, die Erkältung klingt nur langsam ab. Mein Kumpel D. sitzt jetzt ebenfalls mit Erkältungssymptomen in Valencia und steckt seine Freundin an, die einen Tag nach meiner Abreise ankam. Staffellauf! Das habt ihr davon, wenn ihr euch mit mir einlasst.
Es ist, als ob mein Körper sagen würde: „Hang on a sec, you really think you can just fuck off to Valencia without any consequences? I'll teach you a lesson, you snotty brat!“
Am Freitag fing’s an. Also eigentlich schon am Donnerstag, mit dem Flug. Lufthansa: VAL-FFM. FFM-BER (Zufall!). Saß eingeklemmt zwischen corpus magnus und corpus obesum. Keine Bewegungsfreiheit.
Am Freitag dann bei meiner Onkologin des Todes zur Stippvisite. War eigentlich ganz schön. Niemand da, wie man auf dem Foto erkennen kann. Da sind jetzt Mädchen, junge Auszubildende. Beide so 16 oder 17. Süß sind die. Total engagiert und hilfsbereit. Mit der einen habe ich ne Wette laufen, ob ich noch lebe, bis sie fertig ist mit ihrer Ausbildung. Sie optimistisch, ich nicht so. Am Freitag durfte sie mir dann Blut abnehmen, hab’s ihr erlaubt. Hat gefragt, weil sie üben soll. Frau Dr. V. stand daneben und hat zugeschaut. Meine Werte waren wohl gut, da ich ausnahmsweise keinen Anruf am Nachmittag erhielt.
Danach habe ich mit F. am Comic gearbeitet. Noch eine Session, und wir sind durch. Dann kommt die Feinarbeit und die Korrekturen. Und ihr könnt schon mal anfangen, eure Freunde und Freundesfreunde nach Kontakten zu fragen. F. und ich brauchen einen Verlag für die Veröffentlichung der Graphic Novel. Das sind andere Verlage als die, mit denen ich sonst zu tun habe. Ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr mir dabei helfen könntet. Danke!
Im Anschluss nach Kreuzberg geradelt, um meinen Freund A. und seine Familie bei Morimori zu treffen. Wer da noch nicht gegessen hat – guter Tipp! Natürlich nur für die, die auf Ramen stehen. Leckere Onsen-Eier. Hab zwei kleine Asahi getrunken.
Schon bei F. und unterwegs zu A. hatte ich immer wieder Hitzewallungen am linken Bein. Komisches Gefühl. Als würde lauwarmes Wasser vom Knie herabfließen, in unregelmäßigen Abständen, jeweils nur für eine Sekunde. Als ich nach Hause kam, zog ich meine Doc Martens aus, und siehe da: Mein linkes Bein war seltsam geschwollen. Da, wo das Gummi der Socke war und da, wo der Stiefel von der Schnürung zusammenlief. Sonst nichts, keine Rötung oder so. Trotzdem war ich panisch, weil es so merkwürdig aussah. Hab dann dran rumgerubbelt, um die Schwellung zu verteilen (sollte man nicht machen, falls ihr mal in derselben Lage seid!) und anschließend das Bein hochgelegt (das soll man machen!). Es tat auch nicht weh, aber alle fünf Minuten dachte ich, ich würde mir das Hosenbein runterpinkeln.
Ich rief dann beim medizinischen Bereitschaftsdienst an. Kennt ihr sicher alle. Jedenfalls kam ich da nicht durch. Zu viele mit Wehwehchen am Freitagabend in Berlin. Also 112, um zu fragen, ob ich sofort ins Krankenhaus muss, weil’s lebensgefährlich ist oder ob ich einfach warten soll, bis die 116117 irgendwann wieder frei ist. Der Typ war krass unfreundlich und aggressiv. Wahrscheinlich war er einfach überfordert und schlecht gelaunt, was in Inkompetenz ausartete. Blind nach Vorschrift stellte er mir Fragen nach Adresse und Stockwerk, während ich ihm versuchte, mein Problem zu schildern. Er schrie mich an, ich solle ihn nicht unterbrechen und ihm gefälligst zuhören. Dann befolgte er weiter das Protokoll. Mit Vernunft versuchte ich ihm erneut mein Problem zu schildern, woraufhin er mir entrüstet antwortete, ich hätte doch die 116117 anrufen sollen. Ich: „Hab ich doch! Da sagte mir eine automatisierte Stimme, es stünde derzeit niemand zur Verfügung. Ich solle es später nochmal probieren. Nicht mal eine Warteschleife. Deswegen rufe ich Sie an, weil ich Panik habe!“ Er hörte nicht zu und sagte so automatisiert wie die telefonische Ansage zuvor: „Sie hätten die 116117 anrufen sollen. Ich gebe es weiter. Die werden sich bei Ihnen melden.“ Dann hat’s ja doch was gebracht, sich anscheißen zu lassen.
Tatsächlich meldete sich eine Ärztin bei mir und entschied nach meiner Schilderung, mir eine andere Ärztin nach Hause zu schicken. Die kam zwei Stunden später, schaute sich das an und meinte nur, dass sie nichts mehr erkennen könne (außer Krampfadern – Na toll, auch das noch!). Klar, ich hab ja auch das Bein stundenlang hochgelegt. Thrombose sei das jedenfalls nicht. Einfach schön das Bein hochlegen. Die Hitzewallungen wurden gekonnt ignoriert. „Wenn’s wieder dick wird, gehen Sie am Montag zum Hausarzt.“ Schöne Scheiße! Soll ich jetzt das ganze Wochenende das Bein hochlegen oder was?!
Und so kam's. Samstag zur Notaufnahme Vivantes Friedrichshain. Nur vier Stunden. So kurz war ich da noch nie. Grund zum Feiern - yay! Blutabnahme von der wunderbaren Emma Nightingale. Behandlung durch die empathische Assistenzärztin Anna Q.
Der Bluttest ergab erhöhte D-Dimere, was auf Thrombose hindeutet, aber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Das geht nur mit Ultraschall. Und den gibt's erst wieder am Montag. Also muss ich da am Montagmorgen um 9 Uhr antanzen. Hallelujah! Bis dahin gab’s eine Spritze Exoxaparin mit Gratishämatom (s. Foto).
Und für zuhause Apixaban-Tabletten. Daher die Überschrift. Falls sich jemand von euch gefragt hat, ob ich heute von einer neuen Asterix-Figur oder so erzähle, den muss ich leider enttäuschen. Wenigstens hörten die Hitzewallungen sofort auf.
From the ghetto of my heart, peace out to everyone.
Victor Schiwago
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