Medizinische Hilfsangebote und Durchhalteparolen
Ich möchte diesen Blog auch heute wieder dafür nutzen, mit euch zu kommunizieren, die mir seit der Öffentlichmachung meiner Krankheit Nachrichten schicken und mir viel Kraft wünschen, Angebote unterbreiten, medizinische Kontakte zu Experten herzustellen und mich mit diesem Fachwissen zu unterstützen. Auch wenn die Angebote gut gemeint sind, tun sie mir nicht gut. Sie setzen mich unter Druck und belasten mich.
Noch mehr belasten mich die Aufforderungen, positiv zu denken, optimistisch zu bleiben und ums Überleben zu kämpfen. Ich weiß eure Anteilnahme zu schätzen und verstehe sehr wohl, dass ihr genauso überfordert seid wie ich in dieser neuen Situation. Ihr wollt sicherlich für mich da sein, fühlt euch aber hilflos. Dazu folgender Gedanke: Ich bin kein Optimist und war es auch nie. Wenn ich diese Krankheit überleben sollte, dann auf meine Art und Weise, nicht indem ich auf einmal so werde, wie ihr es gerne hättet oder eurem Verständnis entspricht. Daher werde ich auf eure Hilfsangebote, eure Einladungen zu Treffen, mich zu besuchen, momentan nicht eingehen. Ich muss erstmal eine gewisse Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen und kann nicht auf eure Überforderung eingehen. Das tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern. Auch Erinnerungen, Fotos voller nostalgischer Empfindungen versetzen mir einen Schlag in die Magengrube. Going down memory lane is killing me. Nach jeder Nachricht, die ich lese, bekomme ich Bauchschmerzen und meine Kopfschmerzen nehmen zu. Ich kann mir nicht nach jeder Nachricht Schmerzmittel einwerfen. Daher bitte ich euch hiermit, mir vorerst di nötige Ruhe zu geben. Wenn ich einen Überblick habe, was mit mir passiert und sich eine Routine mit Bestrahlung und Chemotherapie eingestellt hat, kann ich über solche Dinge nachdenken. Glaubt mir, ich freue mich auf einen gemeinsamen Spaziergang oder ein Mittagessen, aber noch ist das Zukunftsmusik.
Um euch zu verdeutlichen wie meine Gedankenwelt und mein Alltag momentan aussieht, folgende vielleicht drastisch klingenden Worte: der Giancarlo, wie ihr ihn bisher kanntet, existiert so nicht mehr. Und er wird auch nicht existieren, indem ihr die neue Realität ignoriert und an vorherigen gemeinsamen Mustern festhaltet. Konkret äußert sich das so: Ich bin halbblind. Die Walnuss in meinem Kopf verwirrt mich, ich bin orientierungslos und panisch, sehr schreckhaft. Wenn ich die Straße entlanggehe, kriege ich Angst, wenn plötzlich jemand in meinem Sichtfeld auftaucht, den ich vorher nicht gesehen habe. Ein Hundebellen kann mich genauso zum Zusammenbrechen führen wie ein Kind, das meinen Weg unerwartet kreuzt. Ein Martinshorn versetzt mich in Angst und Schrecken. Ich laufe in Poller und Verkehrsschilder, streife Außenspiegel und zucke bei jedem unerwarteten Geräusch zusammen.
Ich habe mehr Metastasen in meinem Körper als der Vatikan Päderasten. Ich kann nicht mehr unterrichten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich bin also recht bald von einem Staat abhängig, den ich mein Leben lang verabscheut habe. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, was das mit meiner Psyche und meinem Selbstbewusstsein macht. Viel schlimmer für mich ist derzeit jedoch, dass ich nicht wirklich lesen kann ohne Schmerzen. Und dabei ist Lesen wichtiger für mich als alles andere. Wenn ich wenigstens weiter lesen könnte, würde ich Jahre meines Lebens dafür aufgeben. Das Schreiben ist überlebenswichtig für mich, aber nach wenigen Zeilen bin ich müde bzw. überanstrengt. Bitte bietet mir keine Tipphilfe oder Spracherkennungssoftware an. Das ist genauso gut gemeint wie alles oben, aber es hilft mir nicht. Es sind die Tasten unter den Fingern, die mir gefühlt Kontrolle geben.
Mir ist nicht mehr nach Gitarre spielen, ich kann nicht mehr singen, keine Songs komponieren. Meine geliebte Musik klingt plötzlich nach Lärm oder wirkt too much. Wer weiß, ob ich jemals wieder zu Konzerten gehen kann. Werde ich eines Tages wieder Sex haben? Nicht, weil das nicht möglich ist. Aber bereits vor meiner Krankheit hatte ich nicht besonders häufig Gelegenheiten. Woher sollte ich sie jetzt plötzlich zaubern?
Ich kann kein Auto, aber vor allem kein Fahrrad mehr fahren. Ich kann nicht mehr laufen gehen, weil ich nicht weiß, wie meine Lunge reagiert. Außerdem können epileptische Anfälle auftreten, von denen ich aber glücklicherweise bisher verschont geblieben wurde. Normalerweise war ich viermal pro Woche joggen. Ich kann ohne Anstrengung keine Filme oder Serien sehen. Ich kann nicht an die Zukunft denken, mir nicht vorstellen, jemals wieder allein zu verreisen.
So, genug schlechte Laune verbreitet. Wie gesagt, ihr braucht den Blog nicht zu lesen, wenn er zu belastend ist. Aber für mich ist es besser, so mit euch zu reden, als jedem einzeln zu antworten. Das ist einfach nicht machbar.
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