All of a sudden
Alles begann im Grunde genommen am 15. November 2024. Bis dahin lebte ich ein normales Leben wie die meisten. Okay, ich habe mein Geld freiberuflich verdient, also nicht wie die meisten in diesem Land. Aber ansonsten habe ich Dinge gemacht wie alle anderen auch. Ich stehe auf, trinke Kaffee und schreibe währenddessen meine Morning Pages. Ich kaufe ein, koche, esse, dusche, scheiße und gehe jeden zweiten Tag laufen, hinterm Haus zurerst durch den Friedhof zum Volkspark Friedrichshain, wo ich eine Runde drehe und mich verausgabe. Klar fühlt es sich gut an, den Körper zu fordern, zu trainieren. Aber eigentlich mache ich das für meinen Kopf. Ihn freizublasen ist das primäre Ziel. Laufen ist die perfekte Medizin für jeden, der dazu neigt, zu grübeln, Trübsal zu blasen, wenn gesunde Selbstreflexion umkippt und in den Bereich "too much" abdriftet.
Im September hatte ich die Idee, in Italien zu überwintern statt im grauen Berlin wie sonst. Seit 2008 lebe ich nun in dieser Stadt und habe stets unter dem alltäglichen Grau gelitten. Da mein Bruder und ich im September die Wohnung meines Vaters überschrieben bekommen haben, in der er aufgewachsen ist, wollte ich die Gelegenheit beim Schopf packen. Die Wohnung befindet sich in der Altstadt Pugignanos. Putignano ist ein Dorf in der Provinz Bari im süditalienischen Apulien. Ich schaltete Anzeigen, in denen ich einen Untervermieter für meine Wohnung in Berlin Friedrichshain suchte. Ich wurde in einem jungen kanadischen Software-Ingenieur fündig, der sehr sympathisch und zuverlässig wirkte, dem ich ruhigen Gewissens meine Bleibe anvertrauen konnte.
Am 15. November flog ich also nach Bari, wurde von meiner Cuginetta Nicla (meiner selbsternannten Cousine, auch wenn wir nicht wirklich blutsverwandt sind) und ihrem Freund vom Flughafen abgeholt. Als ich die Wohnung in Via Terzi zum ersten Mal an dem Abend betrat, war ich aufgeregt und voller Tatendrang. Ich war dorthin gereist, um meinen Roman innerhalb von drei Monaten fertigzustellen. Das war der Plan. Ich legte mich also am ersten Abend ins Bett, nachdem ich mir die Zähne gputzt hatte und erlitt sofort aufgrund von Hausstaub und Milben massive allergische Reaktionen.
Die Matratzen zuerst, dann das Sofa fielen der Allergie zum Opfer. Die darauffolgenden Tage entsorgte und ersetzte ich alles mit neuen Matratzen und einer neuen Couch. Mir ging es besser und ich schrieb, wann immer ich nicht unterrichtete.
An jedem zweiten Tag ging ich auch dort laufen. Allerdings gibt es in Putignano keine schönen grünen Parks, sondern nur die Straße. Ich lief durch die Gegend, wo sich die Landhäuser der Dorfbewohner befinden. Dorthin ziehen sie sich an Wochenenenden oder im Sommer zurück. Ich fand eine geeignete Runde. Die Warnungen verschiedener Leute, dass es ein Problem mit freilaufenden Hunden gäbe, ignorierte ich, wie ich auch sonst in meinem Leben oftmals Warnungen gerne als übertriebene Vorsichtsmaßnahmen abgetan habe.
Irgendwann war ich mir ziemlich sicher, dass sich alles nur in meinem Kopf abspielt, also einfach nur radikale Auswirkungen meiner Psyche, ausgelöst zuerst von der allergischen Reaktion am Tag meiner Ankunft. Der Hausstaub und die Milben haben alles in Bewegung gesetzt, dann folgten verschiedene Amplifier: das Telefonat mit Mom über Dad und mit Vito, als ich anfing zu weinen, weil ich machtlos bin und zusehen muss, wie mein Vater abbaut. Ja, er ist auf der Zielgeraden. Alles andere wäre eine naive Leugnung der Realität. Selbst wenn er noch ein paar Jahre aushält, sein Gedächtnis ist vergleichbar mit einem morschen Stück Holz. Und dann war da das Laufen, als ich von Hunden gejagt wurde. Am umzäunten Schrottplatz kam ich auch dieses Mal vorbei. Sie standen plötzlich vor mir, obwohl sie hinter dem Zaun hätten sein müssen. Ich lief um mein Leben. Es brannte und brannte in meiner Lunge, bis ich nach Hause kam. Die Panik in dem Moment hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich bin hier allein und völlig hilflos. Das ist eine unumgängliche Tatsache. Deswegen ist die Flugbuchung die einzige vernünftige Lösung. Akzeptieren, dass man schwächer ist, als man zu sein glaubt, ist auch eine Stärke. Ich fahre nach Hause, kümmere mich um meine Gesundheit, körperliche wie geistige und wenn ich wieder auf dem Weg der Besserung bin, fahre ich zu meinen Eltern und schreibe dort. Schreiben – das ist nicht an einen Ort gebunden. Das geht überall, wo man sich wohl fühlt. Nein, Quatsch. Schreiben passiert oder eben nicht. Hier habe ich gut geschrieben, obwohl ich mich unwohl gefühlt habe. Aber ich habe hier Angst und ich möchte nicht schreiben, wenn ich Angst habe. Das ist kein gutes Gefühl. Meinen ersten Roman habe ich nicht im absoluten Flow geschrieben, aber ich hatte keine Panik. Falls man panisch sein muss, um zu schreiben, dann möchte ich lieber nicht schreiben.
Trotz meines besorgniserregenden Zustands bin ich zufrieden mit der Entwicklung des Romans. Wenn ich ihn einfach kommen lasse, dann wird er besser als ich mir erträumen ließ. Was am Ende herauskommt, weiß ich nicht. Aber ich glaube, er wird gut. So gut, dass ich ihn jedenfalls gern lesen würde. Und das finde ich schon echt motivierend.
Was bei der Augenärztin rauskam, war weniger motivierend, aber sie schuf weitere unumgängliche Tatsachen. Irgendwas stimmt mit meinem Sehnerv nicht, weshalb mein Sichtfeld beeinträchtigt ist. Mit anderen Worten – ich bin am Arsch und kann es nicht einfach so lösen, zumindest nicht, indem ich hier bleibe und auf den Weihnachtsmann warte. Dann habe ich mit Mom gesprochen, mit Eddie, mit Philipp, Dima und mit Vito. Am Ende habe ich Nägel mit Köpfen gemacht und für Sonntag einen Flug gebucht. Aber ich habe hier Angst und ich möchte nicht schreiben, wenn ich Angst habe. Das ist kein gutes Gefühl. Meinen ersten Roman habe ich nicht im absoluten Flow geschrieben, aber ich hatte keine Panik. Falls man panisch sein muss, um zu schreiben, dann möchte ich lieber nicht mehr schreiben.
Am 15. Dezember flog ich also zurück nach Berlin. Für die ersten Tage kam ich bei Dima und Dasha unter. Am 16. ließ ich mir von meiner Augenärztin und der Augenklinik Marzahn bestätigen, was die Augenärztin in Italien schon vermutet hatte. Es ist augenärztlich nichts Bedenkliches los mit mir, sondern neurologisch irgendwas nicht in Ordnung. Am nächsten Tag, am 17. Dezember, ging ich zur Rettungsstelle im Vivantes Klinikum Friedricshain, wo man mich sofort auf der neurochirurgischen Station aufnahm, nachdem das erste CT von meinem Kopf ergab, dass ich einen Tumor der Göße einer Walnuss im Hirn habe. Ein daneben befindliches Ödem drückt auf meinen Sehnerv, weshalb meine Sicht beeinträchtigt ist. Am nächsten Tab bestätigten ein MRT diesen Befund. Und ein Ganzkörper-CT ergab schließlich, dass ich ein Lungenkarzinom habe, das u.a. in mein Hirn gestreut hat, wobei auch noch Metastasen an anderen Stellen im Körper gefunden wurden. Ich habe Lungenkrebs. Ein chirurgischer Eingriff wird ausgeschlossen, weil man gar nicht mehr alles rausschneiden könnte. Somit kommt nur noch eine sogenannte systemische Therapie in Betracht. Mit anderen Worten Bestrahlung und Chemotherapie. Wie genau das ablaufen wird, ist noch ungewiss. Aber das kommt jetzt auf mich zu. Und ich werde euch an dieser Stelle auf dem Laufenden halten. Auch über den Fortschritt meines Romans. Und den Stand der Graphic Novel WEIRDO IN THE MIRROR, an der ich seit einigen Monaten mit Fernando arbeite.
Am 17. Dezember endete also mein bisheriges Leben. Die Geschwindigkeit mit der alles abgelaufen ist, lässt alles surreal erscheinen. Wie ist es möglich, dass man sich keine zwei Monate zuvor kerngesund einschätzt und auf einmal zieht das Schicksal einem den Boden unter den Füßen weg. So wie alle mir nahestendenden Familienmitglieder und Freunde schockiert waren von der Nachricht, so geht es auch mir. Ich kann immer noch nicht begreifen, was mit mir geschieht. Ich hoffe immer noch jeden Tag von diesem Albtraum aufzuwachen.
Fuck! Fuck, fuck, fuck, fuck!!! FML! Alle sagen natürlich, dass ich nicht aufgeben darf, dass ich kämpfen solle, blablabla. Aber wer hat die Kraft nach einer solchen Nachricht? Ich war nie ein großer Kämpfer, auch wenn manche das glauben mögen. Ich habe immer gerne gelacht und nehme mich selbst hoffentlich nich zu ernst. Die Welt wird sich auch nach meinem Tod weiterdrehen. Ich habe weder eine Freundin noch Kinder, die ich hinterlasse. Ich habe nur meine Kunst. Ich verspreche hiermit, dass ich alles daran setzen werde, den Roman und auch alles andere vor meinem Tod zu veröffentlichen. Dann können alle für kurze Zeit bei mir sein, wenn sie mich vermissen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen